29/09/2026 0 Kommentare
Wie man Gemeindeveranstaltungen armutssensibler gestaltet: Dekanatssynode Biedenkopf-Gladenbach befasst sich mit Armut in der Region
Wie man Gemeindeveranstaltungen armutssensibler gestaltet: Dekanatssynode Biedenkopf-Gladenbach befasst sich mit Armut in der Region
# Gemeinsam im Dekanat

Wie man Gemeindeveranstaltungen armutssensibler gestaltet: Dekanatssynode Biedenkopf-Gladenbach befasst sich mit Armut in der Region
Armut grenzt aus. Die Mitglieder der Dekanatssynode Biedenkopf-Gladenbach haben am Samstag während ihrer Herbsttagung ihren Blick für dieses wachsende gesellschaftliche Problem geschärft, vor dem auch die evangelische Kirche nicht gefeit ist.
Fast immer unabsichtlich werden bei Angeboten und Veranstaltungen in den Kirchengemeinden Hürden aufgebaut, die Menschen mit wenig Geld außen vorlassen: In Kleingruppen befassten sich die Synodalen mit der Frage, wo das der Fall ist und wie solche Hindernisse vermieden werden können – kurz, wie das Gemeindeleben „armutssensibler“ gestaltet werden kann. Wenn etwa Gottesdienste oder Nachbarschaftsraum-Veranstaltungen im Nachbarort angeboten werden, könnte man aktiv einen Fahrdienst anbieten anstatt darauf zu vertrauen, dass die Leute schon mit dem eigenen Auto oder mit dem Bus dorthin gelangen.

Bei Veranstaltungen können Speisen und Getränke gegen Spende abgegeben statt verkauft werden, und das Bewerben der Termine sollte nicht ausschließlich über digitale Kanäle und die Zeitung laufen, sondern auch kostenfrei durch Plakate und Gemeindebriefe erfolgen. Manche der Gemeindevertreter wussten auch von bereits umgesetzten Hilfen zu berichten; so unterstützt etwa eine Stiftung bedürftige Mitglieder. Und bei der Evangelischen Jugend gibt es einen Freizeitfonds, der finanziell schwachen Familien die Teilnahme der Kinder an den Sommerfreizeiten ermöglicht.

Zuvor hatte die bei der Diakonie Hessen für Armut im Ländlichen Raum zuständige Referentin Dr. Melanie Hartmann sich wissenschaftlich mit dem Thema Armut auseinandergesetzt, von der ihren Angaben zufolge mehr als 16 Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Manche Gruppen seien einem deutlich höheren Armutsrisiko ausgesetzt, so etwa Menschen mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende und ältere Frauen, machte Hartmann bewusst. Die große Ungleichheit sei vor allem durch die Bildung bedingt, sagte sie: De facto gebe es kaum eine Chance hinsichtlich der Aufstiegsmöglichkeiten.
Vor allem die Mobilität sei für Menschen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben – für Paare etwa 2168 Euro – ein großes Problem, wie die Referentin mit Zitaten von Betroffenen und Sozialarbeitern untermauerte: „Kein Benzin im Tank, kein Geld im Portemonnaie und die Zeitarbeitsstelle 60 Kilometer entfernt – für die Firma ist das dann Arbeitsverweigerung“, lautete eines. Überhaupt seien Arme oft Vorurteilen, Diskriminierung, Abwertung und Benachteiligungen wegen ihrer sozialer Herkunft oder ihrer sozialen oder wirtschaftlichen Position ausgesetzt, schilderte Melanie Hartmann und forderte ein gerechtes Steuersystem mit zielgerichteten Transferleistungen, den Ausbau bezahlbaren Wohnraums und Investitionen ins Bildungssystem, um Armut zu bekämpfen und Teilhabe zu ermöglichen.

Jeder selbst und auch Kirche können seinen Teil dazu beitragen, um gerechtere Verhältnisse zu fördern und konkrete Unterstützung im Sinne christlicher Nächstenliebe leisten. Das könne teils durchaus „unter Protest“ geschehen: „Tafelarbeit etwa dürfte nicht so dringend notwendig sein“, betonte die Armutsexpertin und appellierte an die Gemeindevertreter, ihre Veranstaltungen in Bezug auf Armutssensibilität zu checken.
Wie stark Armut im heimischen Raum verbreitet ist, stellte anschließend Harald Spreda als Geschäftsführer des Diakonischen Werks (DW) Marburg-Biedenkopf anhand der vielen diakonischen Arbeitsfelder mit entsprechenden Beratungsdiensten dar. Mehr als 60 Hauptamtliche und fast 180 Ehrenamtliche seien hier engagiert und in ihrer täglichen Arbeit damit konfrontiert, dass die Mittel aus den öffentlichen Zuwendungen nicht dynamisiert seien, erläuterte Spreda: Allgemeine Kostensteigerungen und höhere Personalkosten könne das DW so nicht abfangen, sondern müsse immer weitere Einsparungen, Kürzungen und Streichungen umsetzen.

Spreda gab Einblicke in die Kirchliche Sozialberatung des DW für Menschen in sozialen, finanziellen und persönlichen Notlagen, denen bei finanziellen Engpässen mit Beihilfen, Stiftungsanträgen, beim Beantragen von Leistungen und dem Vermitteln weiterer Hilfsangebote geholfen werde. Er berichtete von den Second-Hand-Kleiderläden in Marburg und Gladenbach und der Senioren- und Angehörigenberatung. Die dafür zuständige Mitarbeiterin Diana Gillmann-Kamm stelle vielfach einen Verzicht auf Lebensqualität, auf Heizung, Speisen, Brillen und Zahlersatz fest, weil das Geld fehle und die Menschen keine Ansprüche stellen wollten. Oft versuchten auch Angehörige die finanzielle Lücken der Eltern selbst zu stopfen und erreichten dabei ihre eigenen Grenzen, zitierte er.

Außerdem schilderte Spreda die Arbeit der Sucht- und Drogenberatung, in der er mit einem Stellenanteil selbst noch tätig ist, ging auf die zumeist mit offener Armut konfrontierte Fachberatung Wohnen ein, deren Klienten gemieden und ausgegrenzt würden. Weitere Punkte seines Berichts behandelten das Hinterländer Netzwerk Nachbarschaftshilfe (HINN) mit einer Fahrradwerkstatt, den Bürgerbus in Biedenkpf und das Café „Hand in Hand“ in Angelburg.
„Wir sehen Armut jetzt mit anderen Augen“, bedankte sich Britta Duchardt-Linneborn als Vorsitzende der Dekanatssynode für die aufschlussreichen Darstellungen. Die Kollekte, die im Gottesdienst zu Beginn der Synodentagung erbeten wurde, hatte 295,20 Euro ergeben, die dem Diakonischen Werk Marburg-Biedenkopf für die Sozialberatung zugutekommen sollen. (klk/eöa)
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