14/04/2026 0 Kommentare
„Vergeben heißt nicht Vergessen, Verstehen oder Versöhnen“: Erster Gesprächsabend von „Theologie für alle“ in Dautphe
„Vergeben heißt nicht Vergessen, Verstehen oder Versöhnen“: Erster Gesprächsabend von „Theologie für alle“ in Dautphe
# Gesellschaft + Bildung

„Vergeben heißt nicht Vergessen, Verstehen oder Versöhnen“: Erster Gesprächsabend von „Theologie für alle“ in Dautphe
Muss man als Christ jedem alles vergeben? Oder gibt es Schuld, die unverzeihlich ist? Mit diesen und anderen Fragen zum Thema Vergebung haben sich rund 30 Besucher bei einem Gesprächsabend des Evangelischen Dekanats Biedenkopf-Gladenbach im Rahmen der neuen Veranstaltungsreihe „Theologie für Alle“ in Dautphe befasst.
Das Thema Schuld und Vergebung nimmt in der Bibel eine zentrale Rolle ein, wie Dekan Andreas Friedrich, Pfarrer Dr. Reiner Braun und Bildungsreferentin Kerstin Vollmerhausen mit kurzen Einstiegsimpulsen bewusst machten. Aus heutiger Sicht ungewöhnlich wird dabei aber meist nur das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen thematisiert, der Schuld auf sich geladen hat, zeigte Dekan Andreas Friedrich Friedrich am Beispiel des Königs David. Der nimmt sich die schöne Frau eines seiner Soldaten, zeugt mit ihr ein Kind und schickt den Mann in den Tod auf dem Schlachtfeld, nachdem der Versuch gescheitert ist, diesem die Vaterschaft unterzuschieben. Erst spät bekennt sich David vor Gott zu seiner Schuld – vor Gott, aber nicht gegenüber der Frau und dem Kind, das sozusagen als Sühneopfer sterben muss. „Frau und Kind spielen keine Rolle, nur die Vergebung Gottes“, erläuterte Friedrich. Pfarrer Braun ordnete die schwer verständliche Geschichte historisch ein und machte unter anderem bewusst, dass sich dieses Verständnis von Schuld und Vergebung bis heute im Motiv von Christus als Opferlamm fortsetzt.

In Kleingruppen tauschten sich die Besucher des Gesprächsabends zum Thema "Und wenn ich nicht vergeben kann?" aus. (Foto: Klaus Kordesch /eöa)
Das Gleichnis Jesu vom unbarmherzigen Knecht aus dem Matthäus-Evangelium beleuchtet noch ein anderes Verständnis von Schuld: Der König, dem der Knecht eine unvorstellbar hohe Summe schuldet, lässt sich zu einem Aufschub erweichen, während dieser einen Mitknecht wegen einer geringen Schuldsumme ins Gefängnis werfen lässt.In kleinen Gesprächsgruppen und anschließend im Plenum sprachen die Besucher über die Bibelstellen, über das theologische Verständnis von Schuld und Vergebung und auch über persönliche Erlebnisse. Vor allem hier wurde deutlich, wie befreiend es sein kann, jemandem zu verzeihen: „Vergebung ist für mich das größte Geschenk für Christen“, sagte eine Teilnehmerin: „Meine Seele kann wieder atmen!“ Eine andere Besucherin stimmte zu. „Der Hass auf jemanden anderen zerfrisst nur mich, tut aber dem Übeltäter überhaupt nicht weh!“ Mit Blick auf das Thema des Abends „Und wenn ich nicht vergeben kann?“ machte Kerstin Vollmerhausen darauf aufmerksam, dass Vergeben nicht Vergessen und auch nicht Verstehen einer Tat oder gar Versöhnen mit dem Täter bedeute.

Vergeben können sei letztlich ein Geschenk Gottes, das man selbst nicht leisten könne, das aber eine Befreiung bedeuten und einen Heilungsprozess einleiten könne, meinte Reiner Braun. „Wir dürfen auch wütend sein und müssen unsere Gefühle nicht unterdrücken, sagte er unter Verweis auf die sogenannten „Rachepsalmen“ der Bibel. Und machte darauf aufmerksam, dass der Vers aus dem Vaterunser „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ nicht von meiner persönlichen Schuld, sondern eben von „unserer“ spricht: „So beten auch andere für mich“, betonte er.
Die Veranstaltungsreihe „Theologie für Alle“ wird am Freitag, dem 14. August, mit der Überschrift „Frieden schaffen ohne Waffen 2.0“ mit einem Gesprächsabend über die Friedensdenkschrift der EKD fortgesetzt. Der dritte thematisch noch nicht festgelegte Abend findet am Montag, 16 November, statt; jeweils wieder im evangelischen Gemeindehaus Dautphe (Grüner Weg 2).

Gibt es Schuld, die unverzeihlich ist? Mit Fragen zum Thema Vergebung hat sich die erste Veranstaltung der Reihe „Theologie für Alle“ in Dautphe beschäftigt. (Foto: Klaus Kordesch /eöa)
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