16/06/2026 0 Kommentare
„Nicht nur Last, sondern auch Chance“: Kirchenvorstände der Dekanate Biedenkopf-Gladenbach und Westerwald informieren sich über C-Gebäude
„Nicht nur Last, sondern auch Chance“: Kirchenvorstände der Dekanate Biedenkopf-Gladenbach und Westerwald informieren sich über C-Gebäude
# Gemeinsam im Dekanat

„Nicht nur Last, sondern auch Chance“: Kirchenvorstände der Dekanate Biedenkopf-Gladenbach und Westerwald informieren sich über C-Gebäude
Viele Infos, Ideen, Tipps und Anregungen rund um die Zukunft ihrer Gemeinde- und Pfarrhäuser haben rund 50 Kirchenvorsteherinnen und -vorsteher bei einer Informations- und Austauschveranstaltung der Evangelischen Dekanate Biedenkopf-Gladenbach und Westerwald mitnehmen können. Im Herborner Gemeindehaus standen hochkarätige Experten den Vertretern der Nachbarschaftsräume aus den beiden Dekanaten am Freitagabend Rede und Antwort.
Für viele Gemeinde- und Pfarrhäuser gibt es keine Zuweisungen mehr
Nachdem der Gebäudebedarfs- und Entwicklungsplan durch die Dekanatssynoden beschlossen ist, steht fest, welche Gebäude mit Kategorie „C“ eingestuft sind. Für diese entfällt ab 2027 die Gebäude- und Bauzulage der Landeskirche. „Einfach ‚weg damit‘ ist genauso wenig eine Lösung wie das Daran-Klammern oder aus Bequemlichkeit an dem Gebäude festzuhalten“, stellte Dekan Andreas Friedrich eingangs fest: „C verursacht Handlungsbedarf!“

„C verursacht Handlungsbedarf“: Dekan Andreas warnte davor, aus Bequemlichkeit an Gebäuden festzuhalten, für die es kein funktionierendes Nutzungs- und Finanzierungskonzept gibt. (Foto: Klaus Kordesch /eöa)
Das Thema werde die evangelische Kirche noch jahrelang begleiten, war sich sein Westerwälder Kollege Dr. Axel Wengenroth sicher: „Wir sollten das nicht nur als Last ansehen, sondern auch als Chance“, sagte er. Er hoffe auf neue Perspektiven im Ideenaustausch zwischen Nachbarschaftsräumen und Landeskirche.

„Das Gebäude-Thema wird uns nicht loslassen“: Der Westerwälder Dekan Dr. Axel Wengenroth appellierte an die Kirchenvorstände, auch die Chancen des Entscheidungsprozesses zu nutzen. (Foto: Klaus Kordesch /eöa)
Die vier Referenten widmeten sich zunächst mit kurzen Impulsen aus ihrem jeweiligen Fachgebiet dem Thema. Darüber diskutierten die Gäste in „Murmelgruppen“, bevor dann bei einer Podiumsdiskussion Fragen beantwortet wurden. Den Anfang machte Oberkirchenrat Markus Keller als Leiter des Referats Liegenschaftsverwaltung und Baurecht der EKHN: Auch wenn für C-Gebäude ab 2027 die Gebäude- und Bauzulage der Landeskirche entfalle, könnten die Nachbarschaftsräume sie auf eigene Kosten weiterbetreiben, was fast alle aber überfordere, wie Keller schilderte. Dazu müsse die Unterhaltung sichergestellt oder eine (Mit-)Nutzung durch Dritte angestrebt werden; etwa christliche Gemeinden, die der ACK angehören, die Kommune oder die Diakonie. An solche Partner könne mit kirchenaufsichtlicher Genehmigung auch verkauft werden, sagte Keller und riet dazu, Verkäufe im Erbbaurecht anzustreben. Die dritte Möglichkeit bestehe darin, das Gebäude stillzulegen und gegebenenfalls irgendwann abzureißen. „Wir wollen jede Kirchengemeinde in diesen Prozess und bei der Entscheidung unterstützen“, versicherte Keller.

In einer Podiumsdiskussion stellten sich (v.l.) Wilfried Kehr, Stefan Heinig, Markus Keller und René Fünders den Fragen der Kirchenvorstände aus den Dekanate Biedenkopf-Gladenbach und Westerwald. Rechts der Organisator der Veranstaltung, Transformationsunterstützer Dr. Johannes Geng. (Foto: Klaus Kordesch /eöa)
„Nicht nur Last, sondern auch Chance“
Auf die Rolle kirchlicher Gebäude als Baustein im Gemeinwesen machte Stefan Heinig anschließend aufmerksam, der beim Zentrum Bildung und Gesellschaft der EKHN für Stadt- und Landentwicklung sowie Gemeinwesenorientierung zuständig ist. Vielfach seien die Häuser und Kirchen Sozialräume, für die großer Bedarf bestehe. Für ihn ist deshalb das Öffnen der Gebäude, das Umnutzen oder das gemeinsame Nutzen mit Dritten dem Schließen und Verkaufen vorzuziehen. Heinig wusste von einer ganzen Reihe erfolgreicher Umnutzungen zu berichten: So seien in der EKHN schon ein Diakoniezentrum, Sozialwohnungen, ein Gemeinnütziges Wohnprojekt, ein Inklusionshotel, ein Dorfgemeinschaftshaus und eine Kindertagespflege in ehemals von den Gemeinden genutzten Gebäuden entstanden. Heinig riet dazu, früh nach möglichen Interessenten zu suchen und mit ihnen zu sprechen.

Stefan Heinig berichtete den Kirchenvorständen aus den Dekanaten Biedenkopf-Gladenbach und Westerwald von gelungenen Nutzungen ehemaliger C-Gebäude. (Foto: Klaus Kordesch /eöa)
Anhand eigener langjähriger Erfahrungen berichtete Wilfried Kehr, einer der Leiter der Regionalen Diakonie Westerwald Rhein-Lahn, wie die Synergien zwischen Diakonie und Kirche praktische Lösungen in der Gebäudediskussion ergeben können. So seien beispielsweise die Beratungsstelle in Dietz sowie die Tafel in Hachenburg in C-Gebäuden untergebracht, berichtete er. Gemeindehäuser seien oft geeignet für Diakoniezentren; und er könne sich auch vorstellen, dass die Gemeinde weiter Zugriff auf bestimmte Räume darin habe. Denkbar und sinnvoll seien auch gemeinsame Empfangsbereiche und Besprechungsräume bei verschiedenen Nutzern, regte er an.
Die finanzielle Perspektive beleuchtete schließlich René Fünders als Leiter der Regionalverwaltung Nassau Nord. Im Vergleich zu seinem Dienstbeginn vor rund 30 Jahren schlössen heute die meisten Gemeindehaushalte negativ ab, derweil Personal- und Unterhaltungskosten bei sinkenden Zuweisungen deutlich anstiegen, umriss er die Situation: Und auch die Mittel der Landeskirche gingen zurück. „Es gibt viele gute Ideen für langfristige Nutzungen der C-Gebäuden aber auch viele Versuche, sich langfristig daran zu binden, ohne ein Konzept zu haben“, warnte er und bot die Unterstützung der Regionalverwaltung an: „Die Notwendigkeit eines C-Gebäudes will gut bedacht sein!“

Die betriebswirtschaftlichen Aspekte standen beim Vortrag von René Fünders für die Kirchenvorstände im Mittelpunkt. (Foto: Klaus Kordesch /eöa)
In der Podiumsdiskussion kam die Sprache schnell auf die Probleme, die die Entscheidungen für die Nachbarschaftsräume schwer machen. Vielerorts gebe es gut genutzte Gemeindehäuser und schöne denkmalgeschützte Kirchen, in die aber kaum noch Menschen zu den Gottesdiensten kämen – wieso könne man diese nicht einfach im Gemeindehaus feiern und dieses erhalten? 90 Prozent der Kirchen seien historische Gebäude, was einen Verkauf erschwere, und zudem wesentlich teurer im Unterhalt, entgegnete Keller. Würden sie auf C gesetzt, müsse man mit dem Verfall vieler solcher Kirchen rechnen, meinte er.
Kritik gab es an dem Verfahren, die Kategorisierungen an die Versammlungsfläche zu knüpfen, ebenso wie an dem geringen Ermessensspielraum für die Kirchenvorstände: So sei abgelehnt worden, den Verkaufspreis für ein Gemeindehaus zu senken, um darin ein kommunales Zentrum zu ermöglichen: Das Gebäude solle erst zum ursprünglichen Preis auf dem Immobilienmarkt angeboten werden, klagte ein Kirchenvorsteher. Keller notierte sich den Fall. Auf eine andere Frage hin konnte er bestätigen, dass der Denkmalschutz mittlerweile flexibler sei, wenn es etwa um Photovoltaik auf Kirchendächern gehe. Es sei auch mittlerweile machbar und in vielen Fällen erstrebenswert, Kirchen mit Toiletten, Teeküche und Versammlungsflächen zu „ertüchtigen“, erklärte er.

Kirchenvorstände aus den Dekanaten Biedenkopf-Gladenbach und Westerwald haben sich bei einem Infoabend zu den sogenannten C-Gebäuden am Freitagabend im Herborn ausgetauscht und viele Anregungen für ihre weiteren Entscheidungsprozesse mitnehmen können. (Foto: Klaus Kordesch /eöa)
Schließlich hatten die Kirchenvorstände Gelegenheit, Problemstellungen und Fragen aus ihren Gemeinden mit den Referenten zu erörtern, über die diese dann noch kurz im Plenum berichteten. „Das Thema wird uns nicht loslassen“, war Dekan Wengenroth sich abschließend gewiss. Darüber waren sich auch die Besucher einig, die sich zufrieden mit dem Abend zeigten. Einziger Kritikpunkt: Wieso hat es dieses Format nicht schon viel früher gegeben? (klk/eöa)
Kommentare