06/04/2026 0 Kommentare
Auf dem Weg nach Emmaus. Eine Ostergeschichte, erzählt von Matthias Ullrich
Auf dem Weg nach Emmaus. Eine Ostergeschichte, erzählt von Matthias Ullrich
# Gemeinsam im Dekanat

Auf dem Weg nach Emmaus. Eine Ostergeschichte, erzählt von Matthias Ullrich
Eine Ostergeschichte
erzählt von Matthias Ullrich
Er war 53, schon 53 oder gerade mal 53, als er es bemerkte. Er hatte ihn verloren, einfach so. Gott hatte er verloren. Er war ihm einfach abhandengekommen. Und er wusste nicht einmal wann und wie.
Dabei musste er ihn schon lange verloren haben, aber erst heute nach so vielen Jahren fiel es ihm auf.
Kein Schicksalsschlag hatte ihn darauf aufmerksam gemacht und nach Gott fragen lassen. Nein, ganz im Gegenteil, es ging ihm gut. Er hatte eine intakte Familie und viele Freunde, war engagiert, hatte Erfolg im Beruf und war mit 53, so meinte er, immer noch recht attraktiv. Nein, es fehlte an nichts, nur eben, und das fiel ihm eben jetzt erst auf - Gott kam nicht mehr vor.
Als er es bemerkte - es war ein Sonntagnachmittag und es war Ostern gewesen - er wusste es noch genau - ebenso trübes Wetter wie heute. Der Regen peitschte gegen das Fenster. Seine Frau hatte Kaffee gemacht, die Kinder waren mit Freunden unterwegs und er hatte endlich die Zeit genutzt, die Zeitungen der letzten Woche noch einmal zu lesen. Als er es bemerkte, da war er plötzlich sehr erschrocken.
Und er war auch gleich auf die Suche gegangen, wo er denn sein könnte. Vielleicht war er ja doch noch da in seinem Leben, irgendwo in einer versteckten Ecke. Er ging auf die Suche, versuchte sich zu konzentrieren.
Als erstes fiel ihm die Kirche ein. Sicher - in der Kirche - freilich, da musste er doch sein. Er überlegte angestrengt, wann er das letzte Mal da gewesen war. Aber es fiel ihm einfach nicht mehr ein. Dabei empfand er sich keineswegs als schlechten Kirchgänger. Ganz im Gegenteil, er liebte die Ruhe dort und auch die Feierlichkeit, die ihn immer überkam, besonders, wenn es ein Chor- oder Orgelkonzert gab.
Aber wie angestrengt er sich auch zu erinnern suchte - es fielen ihm jetzt jedenfalls ein paar Male ein als er letztens dort gewesen war - aber wie angestrengt er auch suchte, er konnte sich nicht erinnern, dass Gott dort gewesen war.
Es fröstelte ihn plötzlich bei dem Gedanken, er habe dort immer in der Kirche gesessen mit all den anderen, habe gesungen, gebetet, gelauscht, aber Gott sei nie dabei gewesen. Was für eine Verschwendung von Geld und Zeit, dass man dann noch Gottesdienste feierte, wo es Gott doch gar nicht mehr gab.
Was hatte er da gerade gedacht? „Wo es Gott doch gar nicht mehr gab.“ Einen Augenblick lang sah er sich um, so als wollte er nachsehen, ob ihn auch niemand beobachtet hatte bei diesem schrecklichen Gedanken. Nie zuvor hatte er dies gedacht oder auch nur in Erwägung gezogen.
Und wenn es Gott nun wirklich nicht gibt, was dann?
Aber dann versuchte er sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass Gott vielleicht nur ihm abhandengekommen sei und die anderen ihn vielleicht schon noch hätten und wüssten wo er wäre.
Seine Frau kam herein, den heißen Kaffee auf dem Tablett. Sie lächelte ihn freundlich an. Instinktiv lächelte er zurück. Eine gute Frau hast du, durchfuhr es ihn.
Aber dann versuchte er sich wieder zu konzentrieren und auf die Suche zu gehen. Ja, freilich, seine Frau, die gute Ehe, die Liebe. Da musste Gott doch sein. Aber merkwürdig, er konnte sich nicht erinnern, dass sie auch nur einmal über Gott gesprochen hätten, außer vielleicht damals, ja gewiss, beim Traugespräch. Also hier war er auch nicht.
Aber bei den Kindern vielleicht. Was hatten sie nur für eine herrliche Zeit gehabt mit den Kindern. Jetzt waren sie freilich schon fast erwachsen und so weit, dass sie bald aus dem Haus gehen würden.
Besonders Weihnachten war immer wunderbar gewesen und auch Ostern. Sie hatten sich Nester gebaut, jedes Jahr, und dann am Ostermorgen war er immer schon um fünf Uhr hinausgeschlichen und hatte die Hasen und Eier versteckt. Aber nie hatten sie über Gott gesprochen an diesen Festtagen.
Doch, doch an Weihnachten, jetzt fiel es ihm ein, da hatten die Kinder beim Krippenspiel - aber Gott - nein, eigentlich nicht.
Er wurde jetzt noch trauriger und hätte auch fast seine Frau gefragt. Aber da fing Tatort an.
Also nahm er seinen Mantel und ging hinaus. "Bin spazieren", rief er seiner Frau noch zu.
Beängstigend einsam, so ein Ostersonntagabend, dachte er. Der Regen lief ihm bald die Wangen herunter. Die Straßen waren leer.
"Gottverlassen" - fiel ihm ein. Es war noch hell, aber der Regen war kalt.
Ich habe Gott verloren und weiß nicht einmal wann und wo. Das machte ihn vielleicht am traurigsten. Er wurde den Gedanken nicht los. Die ganzen Jahre lebst du so vor dich hin als ob es Gott gar nicht gäbe und du hast es nicht einmal bemerkt.
Er kam einfach nicht mehr vor. Du warst zu beschäftigt oder zu müde oder beides.
Ja, früher - früher war alles noch anders. Da wolltest du ein Leben führen wie Jesus, ihm nachfolgen. Du warst begeistert. Martin Luther King, Bonhoeffer und Gandhi. Und die Welt wird sich verändern, so hast du geglaubt mit all den andern - wenn nur ein paar wirkliche Christen leben auf dieser Welt. Da hattest du noch Träume.
Und die Freizeiten, die Lagerfeuer. Ja, früher, da hast du Gott noch gehabt, dachte er.
Aber das war lange vorbei. Irgendwie, irgendwann hatte das aufgehört. Alles ging seinen Gang. Die Träume wurden eingemottet. Und erst heute bemerkst du es, durchfuhr es ihn.
Wir alle haben Gott verloren. Wir alle leben als ob es ihn nicht gäbe, dachte er. Zwischen Google und Corona, Facebook und ChatGPT, zwischen Dauerkrisen und Zukunftsangst, Konsumrausch und Jobverlust haben wir ihn verloren.
Er kommt nicht mehr vor. Nicht in der Zeitung, nicht im Fernsehen und wenn dann nur bei den Skandalen seines Bodenpersonals. Nicht im Büro und nicht am Stammtisch, nicht auf der Arbeit und nicht im Urlaub. Er kommt einfach nicht mehr vor. Alles funktioniert auch ohne ihn.
Der Regen wurde stärker und drang an den Schultern nun schon durch seinen Mantel. Vielleicht ist er gestorben, überlegte er. In unseren Gedanken. Oder wir haben ihn gar getötet oder sterben lassen? Gott ist tot. Das wäre doch furchtbar.
Gott ist tot und wir Menschen sind nur ein Stück hingeworfene Materie in der Unendlichkeit von Raum und Zeit. Was hatte er nur für Gedanken. Aber sie waren einfach da.
Er hatte den kleinen Hügel erreicht oberhalb des Ortes. Gerade flackerten die ersten Straßenlampen auf und liefen wie Dominosteine durch den Ort.
Wir brauchen sein Licht nicht mehr. Wir haben uns unsere eigenen Lichter gemacht, ging ihm durch den Kopf.
Ihm fiel ein, wie ein Freund kürzlich von neuronalen Netzen und Künstlicher Intelligenz geschwärmt hatte. "Weißt du, was das bedeutet? Du wirst Dir nicht vorstellen können, was daraus einmal werden wird.“ hatte er gesagt. „Sie werden wie wir, nur viel, viel intelligenter. Sie werden sein wie Gott." Und er hatte diese Vorstellung offenbar gar nicht beängstigend gefunden.
Wozu brauchen wir dann überhaupt noch den Menschen, wenn wir uns künstliche Gehirne herstellen können oder mit der Gentechnik künstliche Menschen machen. Sind wir dann Gott? Dann werden wir zuletzt wohl auch den Menschen selbst abschaffen. Dann bleibt wirklich nichts mehr.
Erst haben wir Gott abgeschafft und dann den Menschen. Danach vielleicht ja sogar die ganze Erde, irgendwann. Wir wären jedenfalls in der Lage dazu.
Es war inzwischen dunkel geworden über dem kleinen Ort, der jetzt so friedlich und unschuldig dalag als wolle er alle Zweifel vergessen machen. Doch ihn fror und er zitterte.
Der Regen hatte aufgehört und es drangen wieder Stimmen und Straßenlärm den Hügel herauf.
Und wenn von alle dem nichts bleibt. Wenn überhaupt nichts bleibt. Wenn am Ende doch der Tod über allem siegt? Wenn wir alle nur dazu bestimmt sind, irgendwann mit den Füßen voraus auf dem Friedhof verscharrt zu werden? Das darf nicht sein, das darf nicht sein, dachte er.
Mein Gott, mein Gott verlass uns nicht.
Er ging den Hügel hinab und es kam ihm dieses Abendlied wieder in den Sinn, das sie am Lagerfeuer immer gesungen hatten: "Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden und er Tag hat sich geneiget."
Nun wurde er ruhiger und summte die Melodie vor sich hin.
Es wurde ihm sogar richtig warm ums Herz. Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden.
Vielleicht hab' ich ihn ja gar nicht verloren. Vielleicht habe ich nur verlernt ihn zu erkennen, wie einst die Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Vielleicht bin ich nur die ganze Zeit unterwegs nach Emmaus, und er geht schon lang neben mir.
Vielleicht ist er ja mitten unter uns und wir begegnen ihm täglich in vielen Dingen und Worten und Menschen. Und uns hat nur die Traurigkeit den Blick verstellt. Oder die Müdigkeit oder die Langeweile, die Rastlosigkeit oder die Angst...
„Auf dem Weg nach Emmaus.“ Das ist ein gutes Bild, dachte er. Wir sind alle auf dem Weg nach Emmaus. Unser ganzes Leben lang und im Grunde haben wir alle auch die gleiche Sehnsucht und Bitte: Herr, bleibe bei uns!
Als er einige Wochen später in der großen Runde stand beim Abendmahl und den anderen ins Gesicht und in die Augen sah, da erinnerte er sich: Brannte nicht mein Herz als ich dort durch die nassen Straßen ging in Zweifeln gefangen. Es hätte nicht gebrannt mein Herz, wenn...
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